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Später Mauerspecht

MauergedenkstätteGerne nutzen Anouk & ich den frühen Vormittag für einige Bewegungseinheiten auf der Wiese der Mauergedenkstätte Bernauer Straße. Der ehemalige Todesstreifen entlang der Bernauer war viele Jahre sehr raw verblieben und gab so der Natur Gelegenheit, sich pioniermäßig zu entwickeln. Das war meines Erachtens der geeignete Rahmen, sich der schändlichen Teilung zu gegenwärtigen. Eine Art grünes Teilungsband, daß jedes Jahr ein wenig mehr zuwucherte, jedes Jahr mit anderen Pflanzen. Ein Fest für Botaniker.

Fehlt was?Das halten die Menschen natürlich nicht aus. So viel Brachfläche in bester Lage. Das muß bebaut werden. Das muß gestaltet werden. Die Ergebnisse sind bekannt, jedes Mal beim Gang entlang der Bernauer Richtung Mauerpark baut sich ein neuer, kolossaler Miets- oder YouthHotelbau auf.

Zum Glück wurde ein größerer Teil für die Mauergedenkstätte reserviert, teils zurückgekauft, so daß sich derzeit zwischen Ackerstraße und Nordbahnhof, flankiert vom Sophienfriedhof und der Bernauer Straße eine mit Gruselelementen möblierte Wiese auftut. Restliche Mauerteile wurden aufgefüllt durch eine metallene Stehlenzeile, exakt in den Maßen der ehemaligen Mauer. Tagsüber durchfluten wahre Touristenströme das Gelände, doch am Morgen tummeln sich hier nur vereinzelt Landschaftsgärtner und Herrchen mit Hundchen. Die Wiese ist herrlich für Anouk und sie trabt schon frühzeitig vor zum Eingang und wartet darauf, daß Herrchen den Ball werfe. Mach' ich auch, ist die Wiese frei. Dann wetzt sie los, erreicht den Ball und wälgert sich seelig mit ihrer Eroberung auf dem frischen Gras. Eine Art Erfrischungsbad – und inzwischen ein Ritual.

Heute nun – auf unserem Rückweg – begegnete uns Seltsames. Ein Großvater oder Spätvater mit seiner Enkelin/Tochter im Gefolge, erschien auf dem Gelände; bewaffnet mit Maurerhammer machte er sich unverzüglich mit kräftigen Schlägen an „der Mauer“ zu schaffen. Die Schläge hallten laut – Beton ist ein guter Resonanzkörper – über das weite Feld. Alle vereinzelt dort befindlichen durchzuckte es, und sie huben die Köpfe – wie Kaninchen in Habachtstellung. Der Gärtner konnte es garnicht glauben, was er da hörte.

Gedenkmale auf der AckerstraßeIch sprach den Souveniersammler an, daß könne er nicht machen, wenn das jeder täte, hätten wir bald keine Mauer mehr. „Sei'n 'se froh, daß das Scheiß-Ding weg ist!“ Er löste einen nicht ganz kleinen Mauerbrocken, barg den eroberten Schatz und enteilte mit Enkeltocher zum Flucht-Caravan. „Wir halten sie in Ehren!“ Die Reifen quietschten.

Anouk & ich trotteten heim. Über die Ackerstraße, im Pflaster eingelassen neue Erinnerungsscheiben zu Fluchtversuchen.

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